69. Ein Mittlerdienst, der immer wieder Vergebung bietet, jedoch keine vollständige Heiligung, würde die Sünde verlängern statt wegnehmen und Christus zu einem „Diener der Sünde“ (Gal 2,17) machen. „Gehorsam ist besser als Schlachtopfer“! (1Sam 15,22)

Im Galaterbrief schreibt der Apostel:

Gal 2,17 Wenn aber auch wir selbst, die wir in Christus gerechtfertigt zu werden suchen, als Sünder befunden wurden – ist dann also Christus ein Diener der Sünde? Das ist ausgeschlossen.

Der Begriff „Diener“ bezieht sich auf Jesu Dienst als Hohepriester im Heiligtum. Paulus stellt damit die unausgesprochene Frage vieler damaliger Juden an den „neuen“ Christusglauben: „Wenn ihr sagt, dass ihr vor Gott ebenso Sünder seid wie die Heiden, und euch statt auf Gesetzesgehorsam auf Christus beruft, wird dann der Glaube nicht zum Ersatz für Gehorsam? Wird nicht der Mittlerdienst Jesu zu einer Einrichtung für straffreies Sündigen?“ Paulus weist diese Möglichkeit entschieden von sich und antwortet: „Ausgeschlossen!“ (ELB) oder, wie viele andere Bibeln übersetzen: „Das sei ferne!“

Dieselbe entschiedene Ablehnung gilt auch heute. Der Erlösungsplan ist keiner Weise dazu gedacht, Gesetzesübertretung zu erleichtern, indem die Folgen vom Übertreter ferngehalten werden, sondern hat in jeder Hinsicht den Zweck, die Sünde mitsamt ihren furchtbaren Konsequenzen wirksam und auf ewig zu entfernen. Viele Textstellen der Heiligen Schrift bezeugen dies:

3Mo 16,30 Denn an diesem Tag [Versöhnungstag] wird man für euch Sühnung erwirken, um euch zu reinigen: von all euren Sünden werdet ihr rein sein vor dem HERRN.

Ps 17,3 Du hast mein Herz geprüft, mich in der Nacht durchforscht; du hast mich geläutert, und du hast nichts gefunden, worin ich mich vergangen hätte mit meinen Gedanken oder mit meinem Mund.

Jes 1,18 Kommt denn und lasst uns miteinander rechten! spricht der HERR. Wenn eure Sünden rot wie Karmesin sind, wie Schnee sollen sie weiß werden. Wenn sie rot sind wie Purpur, wie Wolle sollen sie werden.

Jer 50,20 In jenen Tagen und zu jener Zeit, spricht der HERR, wird Israels Schuld gesucht werden, und sie wird nicht da sein, – und die Sünden Judas, und sie werden nicht gefunden werden; denn ich will denen vergeben, die ich übriglasse.

Joh 1,29 Am folgenden Tag sieht Johannes Jesus auf sich zukommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!

1Joh 3,5 Und ihr wisst, dass er geoffenbart worden ist, damit er die Sünden wegnehme; und Sünde ist nicht in ihm …

8 Wer die Sünde tut, ist aus dem Teufel, denn der Teufel sündigt von Anfang an. Hierzu ist der Sohn Gottes geoffenbart worden, damit er die Werke des Teufels [die Sünde] vernichte.

Off 7,14 Diese sind es, die aus der großen Bedrängnis kommen, und sie haben ihre Gewänder gewaschen und sie weiß gemacht im Blut des Lammes.

Off 14,5 Und in ihrem Mund wurde kein Falsch gefunden; sie sind untadelig.

Viele haben ungefähr folgende Vorstellung von Rettung: Der Sünder kommt zu Jesus, empfängt im Glauben vollständige Vergebung und ist nun „ein erlöstes Gotteskind“. Dann folgt, weil sie „irgendwie dazugehört“, die Heiligung – das Bemühen um ein besseres Leben, das mit wechselndem, aber insgesamt doch mäßigem Erfolg mehr schlecht als recht verläuft, weswegen man auch als Gläubiger eigentlich ständig von der Vergebung lebt, die im Heiligtum glücklicherweise grenzenlos zur Verfügung steht. Wer auf diese Weise bis zum Schluss „am Glauben festhält“, empfängt bei der Versiegelung / Verwandlung / Auferstehung schlagartig ein absolut makelloses, vollkommenes Wesen und wird ab diesem Zeitpunkt bis in alle Ewigkeit nie wieder Gottes Gebote übertreten.

Wäre dieses Szenario biblisch, müsste man sich fragen, warum in Gottes Drei-Schritte-Heilsplan „Vergebung – Heiligung – Verwandlung“ Schritt 1 und 3 (Vergebung und Verwandlung) auf Anhieb so tadellos funktionieren, Schritt 2 (Heiligung) dagegen sichtbar und spürbar „lahmt“. Fraglich wäre weiterhin, warum Schritt 2 obligatorisch ist („ohne Heiligung wird niemand den Herrn schauen“; Heb 12,14), wenn es doch viel effektiver wäre, den ausgesprochen erfolgreichen Schritt 3 der Verwandlung vorzuziehen und damit nicht nur dem Gläubigen lebenslange Mühen zu ersparen, sondern auch der Welt ein unbestreitbares Zeugnis der erlösenden Kraft Gottes zu geben. Ein Heilsweg in zwei Schritten, wo der Vergebung (Bekehrung) unmittelbar die Verwandlung folgt, würde unzählige Sünden gläubiger Menschen verhindern, allen Beteiligten viel Leid ersparen und den Heiligtumsdienst Jesu deutlich vereinfachen …

Zurück zur biblischen Realität. Es gibt keine Abkürzung zum Heil und zur Vollkommenheit. Der Erlösungsplan und Jesu himmlischer Heiligtumsdienst sind, so wie sie sind, optimal und unverbesserlich. Sie tragen die göttliche Handschrift des Einen, dessen Werke alle vollkommen sind. Alle drei Schritte des Erlösungsplanes sind gleichermaßen wirksam und gleichermaßen unverzichtbar. Es ist nicht Gottes Heiligung, die „lahmt“, sondern unser Glaube, sie zu ergreifen, unsere Einsicht, ihre Notwendigkeit zu erfassen, und auch unser Verständnis dafür, wie sie überhaupt zu erlangen ist.

1Sam 15,22 Gehorsam ist besser als Schlachtopfer.

Ich wünschte, wir würden diesen kurzen Satz tief verinnerlichen, denn er weist auf etwas äußerst Wesentliches hin: Das Ziel des Heiligtumsdienstes ist nicht Vergebung („Schlachtopfer“) als Dauerzustand, sondern Gehorsam als Dauerzustand. Jesu Leben und Sterben hatten den Zweck, für unseren Ungehorsam zu bezahlen und unseren Gehorsam zu ermöglichen. Jesu Mittlerdienst im Himmel dient dazu, uns willigen Gehorsam zu schenken und ihn in uns zu festigen. Wenn uns dieser Gehorsam in Fleisch und Blut übergangen ist – der Heilige Geist das Gesetz Gottes in Herz und Sinn geschrieben hat –, dann ist endgültig das „gesühnt“, „weggenommen“ und „vernichtet“, was die Schleusentore des Elends für diese Welt geöffnet hat: der menschliche Ungehorsam, die Sünde. Dann ist die ursprüngliche Vollkommenheit des Menschen – und des Universums – wiederhergestellt. Dass wir am Ende auch noch einen neuen, unsterblichen Körper erhalten (die Verwandlung), ist dann nur noch das (vegane) „Sahnehäubchen“.

68. Vollständige Vergebung durch Christus ist gleichzeitig die Verheißung vollständiger Heiligung durch Christus. Wenn wir das Erste glauben, obwohl wir es weder sehen noch fühlen können, dürfen wir im selben Maße das Zweite glauben, obwohl wir es weder sehen noch fühlen können.

Paulus beschreibt Gottes Vorsorge im Erlösungsplan im Römerbrief:

Röm 8,29 Die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.

30 Die er aber vorherbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und die er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht

Auch wenn diese Verse im deutschen Perfekt stehen (griechisch im Aorist), sagen sie nicht etwa aus, dass sich bereits alles erfüllt hat, was zu unserer Erlösung notwendig ist – sonst wären wir alle schon „verherrlicht“, was offensichtlich nicht der Fall ist. Paulus stellt zuerst fest, wozu Gott uns „vorherbestimmt“ hat (nämlich „dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein“; V. 29), und erklärt dann, dass Er für alle nötigen Schritte, um zu diesem Ziel zu gelangen, vorgesorgt hat: für unsere „Berufung“, für unsere „Rechtfertigung“, für unsere „Verherrlichung“. Paulus macht in diesen Versen grundsätzliche Aussagen ohne konkreten Zeitbezug. Die entsprechende Wiedergabe im Deutschen wäre die Gegenwartsform als Ausdruck einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit: „Wen Gott vorher erkennt, den bestimmt Er auch vorher; und wen Er vorherbestimmt, den beruft Er auch; und wen Er beruft, den rechtfertigt Er auch; und wen Er rechtfertigt, den verherrlicht Er auch.“ Und als größten Beweis dafür, dass Gott Sein Werk für uns zu einem wunderbaren und vollständigen Abschluss bringen wird, führt der Apostel das Opfer Jesu an:

Röm 8,32 Er, der doch seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken?

Das bringt zum Ausdruck, dass es absolut undenkbar ist, dass Gott die allergrößte Investition in die Menschheit tätigt, indem Er Seinen einzigen, göttlichen Sohn hingibt, dann aber versäumt, das Erlösungswerk auch bis zur Vollendung zu bringen. Ein solcher Gedanke wäre abstrus und würde Gottes Wesen völlig verkennen. Das ist die Sicherheit, die wir im Aufschauen auf Gottes Liebe, Gnade und Treue haben dürfen. In dieser Erkenntnis, die im Charakter Gottes verwurzelt ist, finden wir zu Ruhe und Geborgenheit, selbst wenn Gottes Werk für und in uns heute noch nicht vollendet ist. Doch weil Gott so ist, wie Er ist, und dies so vielfältig in Seinem Wort bezeugt hat, haben wir Frieden in der Gewissheit, dass Er, was heute noch ausstehen mag, morgen, übermorgen oder an einem beliebigen zukünftigen Tag unseres Lebens (den wir nicht zu wissen brauchen, aber Gott kennt ihn) vollenden wird. Das ist biblische „Heilsgewissheit“. Sie wächst nicht aus bereits vollendeten Tatsachen, sondern aus dem Vertrauen auf Gottes Treue, die uns mit Unvollendetem leben lässt, als wäre es bereits vollendet.

Heb 2,17 Daher musste er in allem den Brüdern gleich werden, damit er barmherzig und ein treuer Hohepriester vor Gott werde, um die Sünden des Volkes zu sühnen.

1Joh 1,9 Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.

1Kor 1,7 Daher habt ihr an keiner Gnadengabe Mangel, während ihr das Offenbarwerden unseres Herrn Jesus Christus erwartet,

8 der euch auch festigen wird bis ans Ende, sodass ihr untadelig seid an dem Tag unseres Herrn Jesus Christus.

9 Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

1Thess 5,23 Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!

24 Treu ist, der euch beruft; er wird es auch tun.

Die „Sühnung“ und „Reinigung“ von jeder Sünde und die Wandlung zu „völliger Heiligung“ und „Untadeligkeit“ stützt sich auf Gottes Treue. Deswegen ist Seine vollständige Vergebung für uns (der Beginn des Heilwerdens) gleichzeitig die Gewissheit unserer vollständigen Heiligung (der Abschluss des Heilwerdens).

RH, 19.8.1890 Eine Begnadigung, wie Christus sie schenkt, beinhaltet nicht nur Vergebung, sondern die Erneuerung unseres Sinnes. Der Herr sagt: „Ich werde euch ein neues Herz geben.“ (Hes 36,26) Das Bild Christi soll Geist, Herz und Seele direkt aufgeprägt werden.

MB 113 Vergebung hat eine weitere Bedeutung, als viele meinen. Gottes Vergebung ist nicht bloß ein gerichtlicher Vorgang, durch den Er unsere Verurteilung aufhebt. Sie ist nicht nur das Vergeben von Sünde, sondern das Herausnehmen aus der Sünde. Sie ist das Ausströmen erlösender, das Herz verwandelnder Liebe.

Der Prozess des Heilwerdens beginnt im Glauben, wird vom Glauben getragen und im Glauben zur Vollendung gebracht. Und Glaube ist unabhängig davon, was wir fühlen oder mit den Sinnen wahrnehmen. Er ist die Entscheidung, aus Prinzip zu vertrauen, motiviert von der Erkenntnis und Erfahrung, dass Gott uns unendlich liebt und Seinen Gnadenbund mit uns niemals brechen wird. Rettender Glaube heißt, sich über alle Gefühle hinaus auf Gottes Wort zu verlassen. Er ist der Schlüssel zu geistlicher Heilung und innerer Befreiung.

DA 203 Viele sind sich ihrer Hilflosigkeit bewusst und sehnen sich nach jenem geistlichen Leben, das sie in Einklang mit Gott bringt; sie mühen sich jedoch vergeblich, es zu erringen. Voller Verzweiflung rufen sie aus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ (Röm 7,24) Solche verzweifelten und ringenden Menschen dürfen aufschauen. Der Heiland neigt sich über die mit seinem Blut Erkauften und fragt mit unaussprechlicher Güte und herzlichem Erbarmen: „Willst du gesund werden?“ Er gebietet dir, in Gesundheit und Frieden aufzustehen. Warte nicht, bis du fühlst, dass du gesund geworden bist. Traue seinem Wort, und es wird sich an dir erfüllen. Stell deinen Willen auf die Seite Christi. Entschließe dich, ihm zu dienen. Sobald du auf sein Wort hin handelst, wirst du Kraft erhalten. Was immer du falsch gemacht haben magst und welche schwere Sünde auch durch lange Duldung deinen Körper und deine Seele gefangen hält – Christus ist in der Lage und sehnt sich danach, dich zu befreien. Er wird der Seele, die „tot“ ist in „Übertretungen“ (Eph 2,1), Leben verleihen.

59. Der Gläubige ist im Untersuchungsgericht „heilig und tadellos und unverklagbar“ (Kol 1,22), weil Christi Blut seine vergangenen Sünden vollständig bedeckt und seinen gegenwärtigen Charakter vollständig gereinigt hat, sodass er in Ewigkeit ohne Sünde bleiben wird.

Diese These soll deutlich machen, dass der Erlösungsplan das Problem Sünde in allen zeitlichen Dimensionen vollständig löst: in Vergangenheit, in der Gegenwart und für alle Zukunft.

  • Vergangene Sünden sind nicht mehr zu ändern, daher ist die einzige Möglichkeit ihrer Tilgung, die entstandene Schuld zu begleichen und dem Sünder Vergebung zuzusprechen. Das tat Jesus durch sein Opfer am Kreuz und tut Er bis heute durch seinen himmlischen Mittlerdienst.
  • Die Gegenwart der Sünde äußert sich in den Versuchungen, denen wir begegnen. Hier wird die Sünde „getilgt“, indem sie verhindert wird, weil wir in der Versuchung treu bleiben. Das geschieht ebenfalls durch Jesu Priesterdienst, indem wir bei Ihm „Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe“ (Heb 4,16), die Er uns zukommen lassen kann, weil Er selbst lebenslangen Widerstand gegen die Sünde praktiziert und vollkommenen Gehorsam gelernt hat (Heb 5,7-10).
  • Eine Zukunft ohne Sünde ist dann gewährleistet, wenn die Haltung entschlossenen Widerstands gegen Versuchungen (= die Gnade, die wir am Gnadenthron erhalten; Heb 4,16) so „in Fleisch und Blut übergegangen“ ist, dass sie unumkehrbar geworden ist. Der Heilige Geist hat damit den Charakter Christi „auf die Tafeln des Herzens“ geschrieben (2Kor 3,3), die innere Reinigung ist „vollendet“ (7,1), der Charakter „vervollkommnet“ (13,9). Liebe beherrscht jeden Gedanken, jedes Wort, jede Handlung. So lebt der Mensch vollkommenen Gehorsam und beweist vollkommene Gerechtigkeit. Gott wird geehrt und verherrlicht durch dieses nun ewig bestehende Wunder erlösender Liebe, das für alle Bewohner des Universums sichtbar und offenkundig geworden ist.

Alle drei Schritte oder Aspekte der Erlösung werden verwirklicht durch Jesu Mittlerdienst auf Grundlage der Verdienste Seines völligen Gehorsams und Seines makellosen Sühneopfers. Johannes schreibt über die Menge der Erlösten vor Gottes Thron:

Off 7,13 Und einer von den Ältesten begann und sprach zu mir: Diese, die mit weißen Gewändern bekleidet sind – wer sind sie, und woher sind sie gekommen?

14 Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind es, die aus der großen Bedrängnis kommen, und sie haben ihre Gewänder gewaschen und sie weiß gemacht im Blut des Lammes.

„Im Blut waschen“ ist ein Bild dafür, Jesu Priesterdienst im Heiligtum in Anspruch zu nehmen. Dieser Dienst entfaltet eine unvergleichliche Kraft und Macht im Leben dessen, der sich im Glauben dafür öffnet. Und diese göttliche Kraft ist auch notwendig, um das Herz von jedem Makel zu befreien! Sie ist kein „Extra“ für die besonders Frommen, sondern ein „Muss“ für jeden, dessen Hoffnung die Ewigkeit ist. Beachten wir folgende Erklärung über Gottes Absicht mit dem Erlösungsplan:

BE, 15.1.1892 Es ist Gottes Absicht, dass jeder von uns in [Christus] vollkommen ist, sodass wir der Welt die Vollkommenheit seines Charakters darstellen können. Er will, dass wir von der Sünde befreit werden, damit wir den Himmel nicht enttäuschen, damit wir unseren göttlichen Erlöser nicht betrüben. Er möchte nicht, dass wir uns zum Christentum bekennen, ohne uns die Gnade anzueignen, die uns zu vervollkommnen vermag, sodass kein Mangel an uns zu finden ist, sondern wir tadellos in Liebe und Heiligkeit vor ihm stehen.

Jemand mag sagen: „Diesem Anspruch kann ich unmöglich gerecht werden.“ Aber genau das musst du, sonst wirst du den Himmel niemals betreten … Hier [in diesem Leben] müssen wir [Christus] anschauen und in sein Bild verwandelt werden.

Dass sittliche Vollkommenheit ein Muss für jeden zukünftigen Himmelsbewohner ist, macht absolut Sinn, denn die Sünde muss restlos aus dem Weltall entfernt werden. Logisch ist das nicht schwer zu begreifen, und zahlreiche Bibelstellen bringen genau das zum Ausdruck, wie eben auch der in der These angeführte Kolossertext. Doch obwohl wir uns tief im Inneren nach jener Vollkommenheit sehnen, will unser Herz an dieser Stelle schnell verzagen, weil wir uns so äußerst schwach wissen und uns kaum vorstellen können, jemals ohne Sünde zu leben. Wer kennt diese Momente nicht?

Genau dann ist die Zeit, in all unserer Schwachheit, Entmutigung und Kleingläubigkeit zu unserem Heiland zu kommen, Ihm das ganze Herz auszuschütten und alles zu bekennen, was es zu bekennen gibt, um dann auch – freimütig und zuversichtlich! – alles zu erbitten, was wir brauchen und Er uns ja liebend gerne geben möchte: mehr Glauben, mehr Liebe, mehr Hoffnung, die Fülle des Geistes, die Gesinnung Christi, Hingabe und Entschlossenheit, Kraft und Geduld, Freude und Frieden.

Vergessen wir nicht, dass der Widersacher uns in genau diese Gefühle und Stimmungen hineinstoßen möchte, sobald wir dabei sind, zum wahren Kern des Evangeliums vorzudringen, nämlich völlige Vergebung und völlige Wiederherstellung zu beanspruchen, ewige Vollkommenheit durch Christus zu ergreifen. Er will uns den Glauben rauben und in Entmutigung und Verzweiflung stürzen – oder in der gefälligen Täuschung halten, dies sei unbiblischer, ja geradezu unmenschlicher Fanatismus und eine gefährliche Irrlehre. Allen diesen Einflüsterungen sollen wir auf dieselbe Weise begegnen:

1Pe 5,9 Dem widersteht standhaft durch den Glauben, da ihr wisst, dass dieselben Leiden sich an eurer Bruderschaft in der Welt vollziehen!

Im Großen Kampf lernen wir über Satans Strategie und Jesu Gegenstrategie:

VSL 443 Durch Schwächen im menschlichen Charakter verschafft sich Satan die Kontrolle über das ganze Denken, und er weiß, wenn solche Schwächen gehegt werden, dass er Erfolg haben wird. Deshalb gaukelt er den Nachfolgern Christi durch üble List ständig vor, Überwindung sei unmöglich. Aber Jesus bittet mit seinen verwundeten Händen und seinem zerschlagenen Leib und sagt allen, die ihm nachfolgen wollen: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2Kor 12,9) … Niemand soll glauben, dass seine Fehler unheilbar seien. Gott schenkt Glauben und Gnade, sie zu überwinden.

Wir leben nun in der Zeit des großen Versöhnungstags … Jeder muss geprüft und ohne Flecken, Runzel oder Ähnliches befunden werden.

Das Ziel der Gnade Jesu ist demnach, alle Charakterschwächen zu überwinden, sodass wir, wenn die Prüfung im Untersuchungsgericht kommt, „ohne Flecken“ (= sittlich vollkommen) vor Gott stehen. Doch beachten wir: Sowohl den Glauben an diese Verheißung als auch die Gnade, sie zu verwirklichen, schenkt Gott! Nichts davon bringen wir aus uns selbst hervor. Verschließen wir darum unsere Ohren vor den Einflüsterungen des Widersachers, und halten wir uns am Heiland und den Zusagen des Vaters fest!

Mt 19,26 Bei Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich.

Heb 9,13 Wenn das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer jungen Kuh, auf die Unreinen gesprengt, zur Reinheit des Fleisches heiligt,

14 wie viel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist als Opfer ohne Fehler Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dient!

1Thess 5,23 Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch völlig; und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!

24 Treu ist, der euch beruft; er wird es auch tun.

51. Zur Zeit der Reformation waren Gnade und Vergebung die große Entdeckung, heute sind es Heiligung und die Vollendung der Gemeinde seit 1844, wobei dies alles Teil eines großen Ganzen ist.

Luthers Erkenntnis einer stellvertretenden Gerechtigkeit, die dem Sünder aufgrund des Opfers Jesu zugerechnet wird, sodass er ohne Scham vor Gott treten und sich als geliebtes Kind vollkommen angenommen wissen darf, war sowohl für seinen persönlichen Glauben als auch für eine aus Angst vor einem zornigen, unberechenbaren Gott tief in abergläubische Werksgerechtigkeit verstrickte Gesellschaft ein gewaltiger Durchbruch und Grund für unbändige Freude und Erleichterung. Die kostbare Wahrheit, dass wir uns weder Gottes Liebe verdienen müssen noch von uns aus eine Versöhnung herbeizuführen brauchen, sondern dass Gott dies aus freien Stücken in Christus bereits für uns vollbracht hat und dies jedem Menschen umsonst anbietet, vergaß der Reformator sein Leben lang nicht.

Diese Wahrheiten haben bis heute nichts von ihrer Kraft verloren, und jede Generation muss sie für sich selbst entdecken und sich aneignen. Sie werden niemals veralten, doch sind sie mit den Jahren und Jahrhunderten seit der Reformation ergänzt und erweitert worden, wofür Gott unterschiedliche Personen und Bewegungen gebraucht hat, zuletzt die Gemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten.

Ellen White hatte zu dem Punkt der fortschreitenden Erkenntnis einmal eine eindrückliche Vision (Erfahrungen und Gesichte, Kap. 10, „Das Ende der 2 300 Tage“). Sie zeigt sehr deutlich, dass es nicht ausreicht zu stehen, wo unsere Väter standen (geschweige denn die Reformatoren), wenn Gott uns inzwischen in weitere Erkenntnisse geführt hat. Jede Generation ist für das Maß an Licht verantwortlich, das ihr leuchtet, und neues Licht nicht anzunehmen oder auszuleben, hat ernste Konsequenzen.

In dieser Vision vom Februar 1845 sieht sie „einen Thron, auf dem der Vater und Sohn saßen“ (EG 45). Der Thron befindet sich im Abteil des Heiligen im himmlischen Tempel. Viele Menschen beugen sich anbetend vor dem Thron. Dann sendet Gott das helle Licht des Mitternachtsrufes aus (im Sommer 1844), doch nur die wenigsten Menschen schätzen es; selbst unter den Gläubigen widerstehen ihm viele. Darauf sieht sie, wie der Vater (eingehüllt in herrliches Licht) sich erhebt und in einem feurigen Wagen ins Allerheiligste fährt. Kurz darauf verlässt auch Jesus den Thron. Die meisten Gläubigen folgen Ihm, doch einige bemerken nichts und verharren gebeugt vor dem nun leeren Thron. Jesus weist die Gläubigen bei Ihm an, auf Ihn zu warten (S. 46). Ein Wolkenwagen bringt Ihn zum Vater, wo er Seinen abschließenden Priesterdienst tut und Sein Reich empfängt. Dann fährt die Beschreibung fort:

EG 46 (rev.) Diejenigen, die sich mit Jesus erhoben hatten, folgten ihm im Glauben in das Allerheiligste und beteten: „Vater, gib uns deinen Geist.“ Dann blies Jesus den Heiligen Geist über sie. In diesem Hauch war Licht, Macht, viel Liebe, Freude und Friede. Ich wandte mich nach der Schar um, die noch vor dem Throne lag; sie wussten nicht, dass Jesus sie verlassen hatte. Dann schien Satan bei dem Thron zu sein und zu versuchen, das Werk Gottes zu betreiben. Ich sah sie zu dem Thron aufschauen und beten: „Vater, gib uns deinen Geist.“ Satan hauchte dann einen unheiligen Einfluss über sie aus; darin waren Licht und viel Macht, aber keine süße Liebe, keine Freude und kein Friede. Satans Werk war, sie zu betrügen und Gottes Kinder irrezuführen.

Der letzte Satz lautet im Original wörtlich: „Satans Ziel war, sie unter der Täuschung zu halten und Gottes Kinder zurückzuziehen und zu täuschen.“ (Satan’s object was to keep them deceived and to draw back and deceive God’s children.) Das macht viel deutlicher, worum es geht: Die bereits Getäuschten sollten nicht merken, dass sie getäuscht sind, und Gottes Kinder, die Jesus im Glauben ins Allerheiligste gefolgt waren, sollten wieder zurückgezogen und unter dieselbe Täuschung gebracht werden. Die erste Veröffentlichung dieser Version im Day-Star vom 14. März 1846 enthält zusätzlich folgenden Schlusssatz von Ellen White (damals noch Harmon):

DS, 14.3.1846 Ich sah, wie einer nach dem anderen die Gruppe verließ, die zu Jesus im Allerheiligsten betete; sie schlossen sich den Menschen vor dem Thron an und empfingen im selben Moment den unheiligen Einfluss Satans.

Was Gott uns in diesem Gesicht offenbart, ist ziemlich ernüchternd, ja schockierend. Menschen, die vermeintlich zu Gott beten, deren Gebete aber von Satan „erhört“ werden, der unbemerkt in die Rolle des Vaters geschlüpft ist und „seinen Anbetern“ ganz ähnliche Erfahrungen zukommen lässt wie den treuen Gläubigen – eine falsche Geistausgießung, die jedoch ohne wahre Liebe, Freude und Frieden ist. Die Deutung auf den gefallenen Protestantismus, der die Verkündigung der dreifachen Engelsbotschaft abgelehnt hat, ist offensichtlich, und wir sehen die Erfüllung einer scheinbaren Geistausgießung in der von Amerika ausgehenden, weltweiten charismatischen Bewegung.

Doch der Teil, der für uns von schicksalhafter Bedeutung ist, sind die letzten zwei Sätze, die Satans Plan (und Erfolg!) schildern, selbst die Anbeter im Allerheiligsten (Siebenten-Tags-Adventisten) wieder ins Heilige zurückzuziehen, wo sie mit den übrigen Christen vereint und mit einem „unheiligen Geist“ infiziert werden. An dieser Stelle sehe ich mich zu einem Schluss gezwungen, den nicht wenige Adventisten (auch konservative) als anstößig empfinden könnten: Der Rückfall vom Allerheiligsten ins Heilige zeigt sich in der Adventgemeinde nicht nur in diversen Einflüssen evangelischen und charismatischen Ursprungs, sondern auch in der Verneinung und Bekämpfung dessen, wofür der Dienst im Allerheiligsten eigentlich steht: Vollendung der Heiligung, Vervollkommnung des Charakters, Versiegelung für die Ewigkeit.

Für unsere Pioniere war lange Zeit selbstverständlich, dass Sinn und Zweck der Heiligung ist, durch Gottes Gnade einen christusähnlichen Charakter ohne Makel zu formen. Sie standen im Glauben vor dem Thron Gottes im Allerheiligsten – der Bundeslade, die Sein heiliges, unveränderliches Gesetz enthält – und verstanden, dass dieses Gesetz nur vollkommene Liebe und vollkommene Gerechtigkeit gutheißen kann. Als sie durch die Offenbarungen des Geistes der Weissagung die Zusammenhänge des großen Kampfes besser verstanden, wurde ihnen klar, dass die bestehende Rebellion und Feindschaft gegen Gottes Autorität nur dann aus dem Universum ausgerottet werden könnte, wenn der gefallene Mensch wieder zu vollständiger Loyalität dem ewigen Gesetz gegenüber zurückgeführt würde.

Doch waren sie noch auf dem Weg und rangen um das richtige Verständnis und das praktische Ausleben dieser Überzeugung. Deshalb sandte Gott u. a. die Botschaft von 1888, um ihnen zu erklären, dass der Weg dorthin gänzlich über Christus führt, dass Seine Gerechtigkeit die Anforderungen des Gesetzes vollkommen erfüllt und dass diese Gerechtigkeit ihnen geschenkt wird (zugerechnet und verliehen), wenn sie in Demut, aufrichtiger Reue und kindlichem Vertrauen darum bitten und wenn ihnen diese eine, herrliche Perle – Christus, der Sohn Gottes – so wertvoll geworden ist, dass sie bereit sind, alles und jedes (jede Sünde) dafür aufzugeben.

Von diesem Verständnis ist heute unter uns nicht mehr viel zu finden. Der Widersacher hat es geschafft, viele wertvolle Wahrheiten, die Gott der Adventbewegung anvertraut hat, in Vergessenheit geraten zu lassen – und das, obwohl wir den Geist der Weissagung haben, der so unendlich viel und tief und eindringlich zum Volk der Übrigen gesprochen hat und es durch Ellen Whites Schriften, die doch jedermann ungehindert zugänglich sind, noch immer tut.

Ich kann es nur jedem ans Herz legen, im Großen Kampf oder Vom Schatten zum Licht die Kapitel 24 („Im Allerheiligsten“) und 28 („Das Untersuchungsgericht“) sorgfältig zu studieren und genau darauf zu achten,

  • welchen Zweck Jesu Dienst im Allerheiligsten hat und
  • wonach im Untersuchungsgericht entschieden wird, wer ewiges Leben erhält.

Würden wir dies alle tun, würden die größten Mythen über Rechtfertigung aus Glauben in der Adventgemeinde wirksam aufgelöst. Wir würden erkennen, dass wir nackt sind, weil die einzige Gerechtigkeit, die vor Gott zählt, vollkommene Gerechtigkeit ist (völlige Reinheit innen und außen), und dass Christus uns alles bedeutet, weil Er nicht nur unser Versagen mit Seinem Blut bedeckt, sondern auch unsere Nacktheit mit Seiner Vollkommenheit bekleidet, indem Er uns ein neues Herz (neue Gedanken und Gefühle) und daraus erwachsend einen neuen Charakter (neue Gewohnheiten und Wesenszüge) schenkt.

Ich fühle mich sehr mangelhaft im Erklären dieser Dinge und noch mehr in ihrem Ausleben. Ich bin selbst ein Suchender, sich Vortastender und in jeder Hinsicht Lernender. Ich schreibe diese Thesen samt Kommentar, weil mein Gewissen mich drängt und hier offenbar eine Not herrscht, da nicht viele sich öffentlich zu diesen Wahrheiten bekennen. Aber ich möchte auf drei weit bessere Quellen hinweisen:

  • die Bibel
  • den Geist der Weissagung
  • die Botschafter von 1888 (E. J. Waggoner, A. T. Jones, aber auch W. W. Prescott und S. N. Haskell) und ihre geistlichen Nachfahren wie A. G. Daniells, Taylor G. Bunch, Joe Crews, Donald K. Short, Robert J. Wieland und gegenwärtig Ron Duffield, Camron Schofield, Dennis Priebe, Margaret Davis und viele mehr)

Jeder, der die Wahrheit liebt, wird sie hier finden. Bitte die Empfehlungen im dritten Punkt auf Beröanisch studieren, d. h. alles unter Gebet und prüfend lesen! Menschen können irren. Allein Gott und Sein Wort sind unfehlbar.

38. Der Erlösungsplan besteht darin, dass Gott uns vollständige Sündenerkenntnis schenkt, um uns dann, wenn wir darum bitten, vollkommen zu vergeben und damit ungeteilte Liebe zu Gott in uns zu wecken, die zu dem Wunsch führt, Gottes Wesenszüge vollständig nachzuahmen, woraufhin der Heilige Geist völligen Gehorsam in unser Herz legt, aus dem sich schließlich ein vollkommener Charakter entwickelt, der uns zu voller Gemeinschaft mit Gott in der Ewigkeit befähigt.

Der Erlösungsplan ist in allen seinen Phasen und Aspekten vollkommen, weil hinter seiner Entstehung und Verwirklichung ein vollkommener Gott steht. Seine Handschrift trägt er, und Sein Wesen bezeugt er – den überragenden Reichtum Seiner Liebe, Gnade und rettenden Macht.

5Mo 32,4 Der Fels: vollkommen ist sein Tun; denn alle seine Wege sind recht. Ein Gott der Treue und ohne Trug, gerecht und gerade ist er!

2Sam 22,31 Gott – sein Weg ist vollkommen; des HERRN Wort ist lauter; ein Schild ist er allen, die sich bei ihm bergen.

Pred 3,14 Ich habe erkannt, dass alles, was Gott tut, für ewig ist; man kann nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen; und Gott hat es so gemacht, damit man ihn fürchte.

Jak 1,17 Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter, bei dem keine Veränderung ist noch eines Wechsels Schatten.

Mt 5,48 Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Ein vollkommener Gott bringt niemals etwas Unvollkommenes hervor. Die zweite Schöpfung wird nicht weniger perfekt sein als die erste. Diese biblische Tatsache zu bestreiten oder zu beschränken, beweist nicht Demut oder Bescheidenheit, sondern schlicht Unkenntnis oder Unglauben. Durch mangelnden Glauben an unsere sittliche Vervollkommnung vereiteln wir die überschwänglichen Absichten des Himmels mit dem Menschen und enthalten Gott die Ihm zustehende Ehre und Herrlichkeit vor.

DA 671 Die Vervollkommnung des Charakters seines Volkes ist eine Ehrensache für Gott, eine Ehrensache für Christus. (vgl. LJ 670)

Off 14,7 Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre!

Die größte Ehre für einen Arzt sind gesunde Patienten, und die größte Ehre für den Erlöser sind erlöste Sünder – vervollkommnete Menschen! Du kannst Gott keine größere „Ehre geben“, als dein sündiges Leben und Wesen zu Seinen Füßen zu legen und zu sagen: „Tu damit, was immer Dir gefällt.“ Gott steht zu Seinem Wort, uns zu vervollkommnen, ja Er hat sogar Seine persönliche Ehre von der Erreichung dieses Zieles abhängig gemacht. Nichts und niemand kann Ihn davon abhalten – schenke Ihm einfach dein ganzes Vertrauen!

37. Unsere Liebe zu Gott ist ein Gradmesser für das Bewusstsein unserer Schuld, denn „wem wenig vergeben wird, der liebt wenig“ (Lk 7,47).

Lk 7,40 Da antwortete Jesus und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er sprach: Meister, sprich!

41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Der eine war 500 Denare schuldig, der andere 50.

42 Da sie aber nichts hatten, um zu bezahlen, schenkte er es beiden. Sage mir: Welcher von ihnen wird ihn nun am meisten lieben?

43 Simon aber antwortete und sprach: Ich vermute der, dem er am meisten geschenkt hat. Und er sprach zu ihm: Du hast richtig geurteilt!

47 Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben worden, darum hat sie viel Liebe erwiesen; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.

Mangelndes Schuldbewusstsein aufgrund fehlender Erkenntnis ist die Situation Laodizeas. Darum fehlt auch die Reue, die „eifrige Buße“ (Off 3,19), die Voraussetzung für das makellose „Kleid der Gerechtigkeit“ ist, das uns Zutritt zur Hochzeitsfeier des Lammes verschafft.

COL 315 Der Mann, der ohne Hochzeitskleid zum Fest kam, stellt den Zustand vieler in unserer heutigen Welt dar. Sie nennen sich Christen und beanspruchen die Segnungen und Vorrechte des Evangeliums, verspüren aber keine Notwendigkeit, dass ihr Charakter verwandelt wird. Sie haben niemals echte Reue über die Sünde gefühlt. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie Christus brauchen, und sie praktizieren keinen Glauben an ihn. Sie haben ihre ererbten und selber gepflegten Neigungen zu falschem Verhalten nicht überwunden.

Vergessen wir gleichzeitig nicht, dass auch diese tiefe, so unerlässliche Reue ein Geschenk von Christus ist. Wir dürfen sie von ihm erbitten! Und da alle Seine Gebote gleichzeitig Verheißungen sind – wie der Geist der Weissagung uns versichert –, bedeutet Seine Aufforderung zu „eifriger Buße“ gleichzeitig die Zusicherung, dass wir die nötige Buße in dem Moment empfangen, wo wir uns entschließen, sie zu praktizieren.

31. Der Vorhof steht für Jesu Opfer am Kreuz; hier erfährt der Gläubige Vergebung und Wiedergeburt. Diesen Punkt teilen evangelische Christen voll mit Adventisten.

Ich bin mir nicht sicher, ob der letzte Satz stimmt. Auf den ersten Blick ja, auf den zweiten nein. Im weitesten Sinne schließt Gottes Vergebung völlige Wiederherstellung mit ein, was aber „evangelischen Christen fremd“ ist (siehe These 33). Ebenso beweist sich die Wiedergeburt in einem neuen Leben des Gehorsams („Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde“; 1Joh 3,9), womit evangelische Christen mit ihrem gespaltenen Verhältnis zum Gesetz ebenfalls Bauchschmerzen hätten. Aber zumindest, wenn man Vergebung auf die Tatsache der erlassenen Schuld und des neuen, zugerechneten Status als Kind Gottes beschränkt, bestünde hier volle Gemeinsamkeit zwischen Evangelischen und Adventisten.

8. Gleichzeitig kann ein Mensch die Größe der Güte Gottes erst erahnen, wenn er die Größe seiner Schuld erahnt, die Gott ihm zu vergeben bereit ist.

Ohne ein Bewusstsein unserer Schuld können wir weder Gottes Vergebung richtig wertschätzen noch Ihm tiefe Liebe entgegenbringen. Ein beeindruckendes Beispiel echter Reue ist der Apostel Paulus. Er sagte von sich selbst:

1Kor 15,9 Ich bin der geringste der Apostel, der ich nicht würdig bin, ein Apostel genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.

Aber gerade die Erfahrung, dass Gott ihn trotzdem zu sich rief und aus Liebe alles vergab, führte ihn zu einem ganz außerordentlichen Eifer für seinen Herrn, wie er im nächsten Vers sagt:

10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade mir gegenüber ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist.

Nur der Blick nach Golgatha kann die Dimension unserer Schuld und der Begnadigung Gottes ermessen. Durch den Propheten Sacharja verheißt Gott Seinem Volk in der Endzeit tiefe Reue, weil der Heilige Geist das Opfer Christi vor ihnen groß macht:

Sach 12,10 Aber über das Haus David und über die Bewohnerschaft von Jerusalem gieße ich den Geist der Gnade und des Flehens aus, und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen, wie man über den einzigen Sohn wehklagt, und werden bitter über ihn weinen, wie man bitter über den Erstgeborenen weint.

Das Kreuz offenbart uns den wahren Charakter der Sünde. Ein in menschlichen Augen banales Vergehen wie das Essen einer verbotenen Frucht war in Wirklichkeit so schlimm, dass es nur durch den höchstmöglichen Preis gesühnt werden konnte: den Tod des Sohnes Gottes. So abscheulich ist Sünde in Gottes Augen! Nur eines ist noch größer als sein Hass gegen die Sünde: seine Liebe zum Sünder. Ist das nicht ein unbegreifliches Wunder?

Röm 5,20 Wo die Sünde überströmend geworden, ist die Gnade noch überschwänglicher geworden.

Dieser Text bedeutet: Wer die Sünde klein macht, macht auch die Gnade klein. Wer Sünde dagegen in ihrer Abgrundtiefe zeigt, macht auch die Gnade und die Liebe Gottes groß. Gottes Instrument, um die Dimensionen der Sünde sichtbar zu machen, ist das Gesetz. Würden wir das Gesetz besser als Teil des Erlösungsplanes erkennen und seine weitreichenden Forderungen ebenso deutlich predigen, wie Jesus das in der Bergpredigt tat, dann würden wir es unseren Zuhörern leichter machen, sowohl ihre Sündigkeit als auch die Tiefe der Liebe und Vergebung Gottes zu erkennen, und wir hätten mehr echte Bekehrungen.