79. Die Bibel spricht nicht von „Heilsgewissheit“, sondern von Hoffnung, „denn auf Hoffnung hin sind wir errettet worden.“ (Röm 8,24)

Es ist an sich nicht falsch, zur Beschreibung unseres Glaubens auch Begriffe zu verwenden, die in der Bibel nicht vorkommen. Es vergrößert aber die Gefahr, dass subjektive, willkürliche Elemente mit in die Definition einfließen. Und bei „Heilsgewissheit“ ist das ohne Zweifel geschehen.

Betrachten wir den biblischen Befund. In der Lutherübersetzung (1984) finden sich im Neuen Testament nur zwei Texte mit dem Wort „Gewissheit“:

  • Kolosser 2,2: „Gewissheit und Verständnis“ (andere übersetzen „Gewissheit im Verständnis“).
  • 1. Thessalonicher 1,5: „Predigt des Evangeliums … in großer Gewissheit“.

In der Elberfelder finden sich einige weitere Texte:

  • Römer 4,21: Abrahams „Gewissheit“, das Gott seine Verheißungen erfüllen würde.
  • Hebräer 6,11: Wir sollen um die „volle Gewissheit der Hoffnung“ eifern.
  • Hebräer 10,22: Wir dürfen in „voller Gewissheit des Glaubens“ ins himmlische Heiligtum eintreten.

Keine dieser Stellen hat mit „Gewissheit des Heils“ im üblichen Sinne zu tun. Am ehesten würde wohl noch „Gewissheit der Hoffnung“ passen, doch spricht gerade dieser Text nicht von etwas, das bereits vollendete Tatsache wäre, sondern um das wir „eifern“ sollen. Was uns zum Begriff der Hoffnung führt. Paulus schreibt an die Römer:

Röm 8,24 Denn auf Hoffnung hin sind wir errettet worden. Eine Hoffnung aber, die gesehen wird, ist keine Hoffnung. Denn wer hofft, was er sieht?

25 Wenn wir aber das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir mit Ausharren.

Es würde zu weit führen, den Zusammenhang von Römer 8 im Einzelnen darzustellen, aber im Grunde macht Paulus in diesem Kapitel an verschiedenen Stellen klar, dass unsere Erlösung erst vollendet sein wird, wenn wir die Unsterblichkeit empfangen. Er nennt das „die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes“ (V. 23). Die Anzahlung, die unsere Berechtigung zu ewigem Leben anzeigt, ist „die Erstlingsgabe des Geistes“ (23), und derselbe Geist macht am Ende die Toten lebendig und schenkt ewiges Leben (11). Der Geist ist es auch, der uns „von dem Gesetz der Sünde freigemacht hat“ (2), eine neue „Gesinnung“ schenkt (6), sodass wir „nach dem Geist wandeln“ und das Gesetz erfüllen (4). Wenn wir „ausharren“ bis zur Erfüllung von Gottes Verheißung (25) und dabei auch bereit sind, für Christus zu leiden (17), werden wir die ewige Herrlichkeit erlangen (17). Anschließend führt Paulus auf sehr ermutigende Weise aus, dass auf diesem Weg in die Ewigkeit uns alle Dinge zum Guten dienen müssen und Gott für alle unsere Bedürfnisse und notwendigen Schritte liebevoll und überreichlich vorgesorgt hat (siehe auch den Abschnitt über Röm 8,29ff. in These 68).

„Hoffnung“, wie die Bibel diesen Begriff gebraucht, beschreibt gut unsere Situation als „Pilger“ zur himmlischen Heimat, die wir zwar die Verheißung des ewigen Lebens (= des Heils) haben, aber noch nicht die Erfüllung. Wir müssen anerkennen: Solange wir auf dieser Erde leben, unsere alte Natur noch besitzen und Satan aktiv ist, besteht die Möglichkeit, zu fallen und sogar abzufallen. Sicherheit finden wir nicht in uns, sondern allein im konsequenten Abwenden vom eigenen Ich und im Ausstrecken zu Christus hin, der all das für uns und in uns ist und sein wird, was zu unserem persönlichen Heil notwendig ist. Können wir dabei die „Gewissheit“ haben, am Ziel anzukommen? Ja, wenn wir das Wesen dieser Gewissheit richtig, d. h. biblisch definieren.

Wir haben ein ganz anschauliches biblisches Beispiel dafür, welche Art Gewissheit wir als Pilger zum Himmel haben dürfen, und das ist Israels Wüstenwanderung. Ihre Reise hatte die in These 76 erwähnten drei Stationen: Anfang – Prozess – Ende (Ziel). Der Anfang war ihre Befreiung aus Ägypten – das ist ein Bild für unsere Bekehrung. Dann folgte ein längerer, wortwörtlich „schrittweiser“ Prozess, nämlich ihre Wanderung durch die Wüste – ein Bild für unser Leben in der Nachfolge und unsere Heiligung. Das Ziel war schließlich das Land Kanaan, die neue Heimat – ein Bild für den Himmel und die Neue Erde.

Jetzt die Gretchenfrage: Hatten die Israeliten „Heilsgewissheit“? Nach heutigem Verständnis müsste man mit Ja antworten, denn die „Heilsgewissheit“ beginnt angeblich mit der Bekehrung. Von dem Tag also, als das Volk Ägypten verlassen hatte, besaß es „Heilsgewissheit“. Nun berichtet die Bibel aber die höchst verstörende Tatsache, dass von den 600 000 Mann, die Ägypten verlassen hatten (2Mo 12,37), ein schier unglaublich winziger Anteil von gerade einmal zwei Männern – Josua und Kaleb – das Ziel der Reise, Kanaan, wirklich erreichte! Paulus drückt es sehr, sehr milde aus, wenn er sagt:

1Kor 10,5 An den meisten von ihnen aber hatte Gott kein Wohlgefallen, denn sie sind in der Wüste hingestreckt worden.

Anschließend betont er noch, dass diese Dinge für uns aufgeschrieben worden sind, damit wir nicht ihre Fehler wiederholen und dasselbe Schicksal erleiden:

1Kor 10,11 Alles dies aber widerfuhr jenen als Vorbild und ist geschrieben worden zur Ermahnung für uns, über die das Ende der Zeitalter gekommen ist.

Das griechische Wort für „Vorbild“ ist typos, von dem das deutsche Wort „Typologie“ stammt. Es bedeutet, dass eine prinzipielle Vergleichbarkeit zwischen Israels Situation und unserer heutigen besteht. Das macht diese Geschichte für uns sehr bedeutsam, und deswegen ist sie in der Schrift auch so ausführlich berichtet – für uns, das geistliche Israel am „Ende der Zeitalter“. Paulus Fazit und Appell im nächsten Vers lautet:

1Kor 10,12 Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle.

Und wenn ich mich nicht völlig täusche, dann hat „Ich meine zu stehen“ durchaus etwas mit dem heute verbreiteten „Ich habe Heilgewissheit“ zu tun. Wir können noch fallen, und wir haben etwas zu tun, um das zu verhindern, nämlich „zusehen, dass wir nicht fallen“. Und damit wird meine „Heilsgewissheit“ zu etwas, das auch von mir persönlich abhängt und somit niemals absolute Gewissheit sein kann (und auch niemals so gedacht war).

Trotzdem ist unsere Aufgabe als Wanderer durch die Wüste keinesfalls, uns auf uns selbst zu konzentrieren und in uns selbst Stärke zusammenzuklauben, sondern gerade das Gegenteil: von uns selbst weg auf den göttlichen Führer zu sehen, der in der Wolken- und Feuersäule vor uns herzieht! Der persönliche Faktor ist da, doch besteht er paradoxerweise darin, dass ich „abnehme“ und Er „wächst“ (Joh 3,30), dass ich „sterbe“ und Er in mir „lebt“ (Gal 2,19f.), dass ich „schwach“ bin und Er in mir „stark“ (2Kor 12,10)! Aus diesem Grund lenkt Paulus gleich im nächsten Vers unsere Aufmerksamkeit auf Gott und Seine Treue während unserer Pilgerreise:

1Kor 10,13 Keine Versuchung hat euch ergriffen als nur eine menschliche; Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen wird, sodass ihr sie ertragen könnt.

Gott weiß, dass wir gefallene Menschen sind; daher sind es allein „menschliche“ Versuchungen oder Prüfungen, die Er auf unserer Wanderschaft ins himmlische Kanaan zulässt. Und mit jeder Prüfung versorgt Er uns auch mit der nötigen Widerstandskraft, um an Gott und am Glauben festzuhalten. Und das ist übrigens eine absolute Gewissheit!

Wer wird also einmal die himmlische Heimat erreichen? Paulus gibt eine eindeutige Antwort im Hebräerbrief, wo er ebenso Israels Wüstenwanderung als Lehrbeispiel heranzieht und das „Eingehen in die Ruhe“ Kanaans als ein Bild für unsere Erlösung gebraucht. Er sagt:

Heb 4,3 Wir gehen nämlich in die Ruhe ein als die, die geglaubt haben

Dann ergänzt er, damit kein Missverständnis entsteht, dass er von einem Glauben spricht, der „eifrig“ ist und zum „Gehorsam“ führt:

Heb 4,11 Lasst uns nun eifrig sein, in jene Ruhe einzugehen, damit nicht jemand nach demselben Beispiel des Ungehorsams falle!

Und wie schon im ersten Korintherbrief baut er gleich unserer menschlichen Neigung vor, bei Ermahnungen auf uns selbst zu schauen, indem er auf Christus als mitfühlenden Fürsprecher und allmächtigen Erlöser hinweist:

Heb 4,15 Wir haben nicht einen Hohepriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem in gleicher Weise wie wir versucht worden ist, doch ohne Sünde.

16 Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe!

Auch diese versprochene Gnade und rechtzeitige Hilfe in jeder Anfechtung dürfen wir aufgrund der Verdienste Jesu mit absoluter Gewissheit in Anspruch nehmen.

Folgen wir doch diesem wunderbaren, göttlichen Führer, egal was uns in der Wüste dieser Welt begegnet! Wenn unsere Augen auf Ihn gerichtet bleiben und wir – ob wir Freiheit von Schuld oder Freiheit von Sünde suchen – uns stets zu Ihm flüchten und auf Sein erlösendes Blut berufen, dann werden wir das gelobte Land erreichen, denn unser Herr führt immer zu Ende, was Er begonnen hat! In Ihm – in Seiner Liebe und Treue – liegt unsere ganze Gewissheit.